Google I/O: Die Nachlese

Die Keynote der Google I/O ist vorüber, die wichtigsten Ankündigungen sind gemacht; nun bleibt die Nachlese. Welche Gerüchte haben sich bewahrheitet, welche stimmten zumindest teilweise, welche waren komplett daneben? Bereits vor der Keynote habe ich meinen eigenen Blick in die Glaskugel geworfen und natürlich will auch ich meine Vorhersagen überprüfen.

Die etwas andere Keynote
Unbedarfte Zuschauer dürften sich beim Zuschauen sicher das ein oder andere Mal gefragt haben, über was auf der Bühne überhaupt geredet wird. Denn anders als beispielsweise Apple oder auch im Gegensatz zu mancher Vorstellung in der Vergangenheit konzentrierte sich Google weniger auf öffentlichkeitswirksame Ankündigungen neuer Produkte, sondern legte den Schwerpunkt auf technische Details, die vor allem versierte Nutzer und Entwickler ansprechen sollte. Noch deutlicher als bislang zeigte Google, dass die Google I/O eine Veranstaltung ist, die sich ganz eindeutig an die Entwickler richtet. Es gab viele Informationen und viele Neuerungen zu sehen; doch die wenigstens betreffen letztendlich die Nutzer unmittelbar. Das machte die sehr lange Keynote für diese Zuschauer ziemlich tröge, warteten doch viele vor allem auf neue Hardwareankündigungen. Doch diese wurden in großen Teilen enttäuscht.

Wie ich vermutet habe, war von Hardware-Vorstellungen in diesem Jahr nicht viel zu sehen. Kein vermutetes Nexus 6, kein angebliches Nexus 8 und erst recht kein Nexus 9 oder gar 10. Stattdessen bekamen Zuschauer und Teilnehmer „nur“ die ersten Android Wear-Smartwatches und Referenz-Hardware für das Android One-Projekt zu sehen. Die Android TV Set-Top-Box ist dagegen nur für Entwickler als Testgerät gedacht und wird in dieser Form wahrscheinlich nicht auf den Markt kommen. Und auch von Project Tango- oder Project Ara-Hardware war zumindest in der öffentlich vielbeachteten Keynote nichts zu sehen. Dementsprechend dürfte mancher Zuschauer vielleicht etwas enttäuscht gewesen sein.

Android L-Release
Die von vielen erwartete neue Android-Version wurde tatsächlich auf der Google I/O vorgestellt. Allerdings gab es eine entscheidende Neuerung: Entgegen des bisherigen Vorgehens veröffentlichte Google die neue Version von Android nicht sofort; stattdessen geht man nun den Weg von Apple und gab lediglich einen Ausblick auf die Neuerungen und veröffentlichte eine Preview-Version. Zwar können Entwickler und technisch etwas versiertere Nutzer, die die richtige Hardware (aka Nexus-Geräte) besitzen, diese bereits testen; allerdings ist sie noch nicht für Otto-Normalverbraucher gedacht und bei weitem noch nicht fertig. Stattdessen müssen sich Android-Fans noch bis zum Herbst gedulden, bevor die neue Version ausgeliefert wird. Zudem gibt es auch noch keinen endgültigen Namen für diese Version; deshalb spricht Google selbst bislang auch nur vom L-Release.

Wie bereits vorab durch Leaks angedeutet, hält der L-Release vor allem in Sachen Optik viele Neuerungen bereit. Mit dem Material Design will Google Anwendungen in Zukunft dynamischer und lebendiger gestalten. Hier scheint das Unternehmen aus Mountain View endlich von Apple zu lernen. Nun gilt es die optischen Spielereien und Neuerungen so in das bereits vorhandene System zu integrieren, dass Otto-Normalverbraucher diese auch sinnvoll nutzen kann. Eine Aufgabe, der sich die Entwickler (und natürlich auch Google selbst) in den kommenden Monaten widmen können.

Android Auto
Anfang des Jahres kündigte Google die Open Automotive Alliance an; nun gibt es mit Android Auto auch die passende Plattform dazu, mit der man in Zukunft auch unterwegs mit Android interagieren können soll. Und was Google auf der Bühne zeigte, war in der Tat Android im Auto, mit einer angepassten Oberfläche, die auf große Buttons und klare Aufteilungen setzt, damit der Fahrer nicht unnötig abgelenkt wird. Und auch hier spielt die Sprachsteuerung eine wichtige Rolle. Allerdings haben sich bei weitem nicht alle Automobilhersteller zur Unterstützung dieses Systems bereiterklärt; einige Autobauer werden wohl auf Apples System setzen. Zudem werden sicher nicht alle neuen Fahrzeuge in Zukunft mit einem solchen System ausgestattet sein; stattdessen wird es wahrscheinlich einige bestimmte Modelle geben, in denen man sein Smartphone mit dem Bordsystem verbinden kann.

Android TV
Google nimmt mit Android TV tatsächlich einen neuen Anlauf, den heimischen Fernseher zu erobern. Die neue Plattform dafür erinnert an bereits bekannte Systeme und vielfach wurde der Vergleich zu Amazon Fire TV gezogen, das erst vor Kurzem vorgestellt wurde. Der Vergleich passt recht gut, bietet Android TV doch ebenfalls eine Sprachsuche, die bei Amazons Vorstellung so gefeiert wurde. Ansonsten dient das eigene Smartphone oder Tablet als Fernbedienung und mit Google Play Music bzw. Movies will Google natürlich auch die passenden Inhalte bieten. Darüber hinaus sollen auch Spiele Teil des Angebots werden, womit beispielsweise die (nur mäßig erfolgreiche) Ouya zusätzliche Konkurrenz bekommt. Ob Googles Angebot aber reicht, um große Konkurrenten und Platzhirschen entgegenzutreten, bleibt abzuwarten.

Chromecast
Der erfolgreiche Streamingstick fand auf der diesjährigen Google I/O ebenfalls wieder Erwähnung und erhält ein vielfach erwünschtes Feature: Zukünftig sollen Nutzer die Anzeige ihres Gerätes streamen können. Damit lässt sich nun endlich in Echtzeit zeigen, was man selbst gerade auf seinem Smartphone vorführt. Als Beispiel wurde im Rahmen der Keynote Google Earth gezeigt. Was also bislang nur über Umwege und sehr eingeschränkt möglich war, wird zukünftig deutlich einfacher.

Android Wear
Das wohl größte Thema der Google I/O dürfte ohne Zweifel Android Wear gewesen sein, mit dem Google die Kategorie der Wearable Devices erobern möchte. Zwar hatte Google seine Pläne bereits Anfang des Jahres angekündigt; bislang war von Android Wear aber noch nicht all zu viel zu sehen, sieht man einmal von einigen Promotion-Videos ab.  Das hat sich nun geändert, denn neben den Vorträgen und den zugehörigen Entwicklersessions haben Teilnehmer als Hardware-Gadget wahlweise die LG G Watch oder die Samsung Gear Live erhalten, die beide außerdem ab sofort auch über den Google Play Store erhältlich sind. Damit sind die ersten Android Wear Smartwatches nun in der freien Wildbahn und lassen sich auf Herz und Nieren prüfen. Allerdings warten viele Fans vor allem auf die Moto 360, die erste angekündigte runde Smartwatch, die auf Googles Plattform setzt, doch wird diese erst in den kommenden Monaten erscheinen.
Aber ganz gleich, welche Hersteller man für seine Hardware bevorzugt: Das Herzstück dürfte im Moment Google Now sein, das Benachrichtigungen und Informationen vom eigenen Smartphone an das Handgelenk sendet. Welche anderen Ideen Entwickler für diese Plattformen haben, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.

Google Glass wurde dagegen, entgegen meiner Vermutung, auf der diesjährigen Entwicklerkonferenz komplett ausgespart. Keine neuen Informationen zu einem Verkaufsstart in weiteren Ländern, keine zusätzlichen Hardware- oder Zubehörupdates und keine Neuerungen auf der Softwareseite. Das ist einerseits zwar für Fans der Datenbrille schade; andererseits dürfte für viele Nutzer wohl die Kategorie der Smartwatches interessanter sein, als die umstrittene Brille. Möglicherweise ist die Zeit von Google Glass bereits abgelaufen, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat.

Android One
Mit Android One hat Google neue Referenz-Hardware vorgestellt, mit der in Zukunft auch Nutzer in nicht so zahlungskräftigen Märkten (aka „emerging markets“) Zugang zu Smartphones haben sollen. Das mag für manchen etwas überraschend sein, kann aber auch als eine Fortsetzung des Kurses angesehen werden, den Google mit Motorola in den Monaten vor dem überraschenden Verkauf eingeschlagen hatte (Stichwort Moto G und Moto E). Das Ziel ist klar: Google will die nächste Milliarde Menschen an das Internet (und damit seine Dienste) anschließen; ähnlich wie es große Unternehmen wie beispielsweise Facebook ebenfalls bereits angekündigt haben. Eine solche Vorstellung hatten wohl wenige erwartet, weshalb vorab auch nichts über dieses Projekt zu hören war.

Google Fit
Auf der WWDC hatte Apple seine Initiative für eine Plattform rund um das Thema Gesundheit und Quantified Self vorgestellt; nun hat Google mit Google Fit nachgezogen. Das ist ein logische Schritt für die Unternehmen, ermöglichen es doch bereits viele Geräte, das eigene Leben zu erfassen und diese Daten zu speichern. Entsprechende Gerüchte hatte es kurz vor der I/O bereits gegeben. Ob die Nutzer aber Google auch ihre Daten über die eigene Gesundheit anvertrauen, bleibt abzuwarten; ebenso wie die Frage, wie sich diese Plattform in das restliche Ökosystem einbetten lässt

Was bleibt?
Google hat in diesem Jahr eine vollgepackte und extra lange Keynote geliefert, die für Entwickler viele interessante Produkte und Neuerungen bereithielt. Der Durchschnittsnutzer dürfte aber angesichts der fehlenden medienwirksamen Neuerungen etwas enttäuscht gewesen sein: Keine neuen Smartphones oder Tablets, fast keine neuen Produkte, die Benutzer unmittelbar betreffen und sofort veröffentlicht wurden, wenig Medienhype. Das mag der eine oder andere als Schwäche ansehen; vor allem in Vergleich zum großen Konkurrenten Apple. Doch Entwickler dürfte das wenig stören; die haben nämlich jede Menge tolle Neuerungen bekommen, die sie für eine ganze Weile beschäftigen dürften.

Vorab war viel über die Inhalte der Keynote spekuliert worden. Und vielfach waren die Gerüchte und die angeblichen Quellen schlicht falsch. Das wird aber natürlich kaum jemand zugeben wollen (und die Pageviews haben sie ja bekommen, daher dürfte sie das nicht mehr stören). Trotzdem gab es einige unerwartete Überraschungen, mit denen Google die Entwickler versorgt hat. Ich bin sehr gespannt, was in den kommenden Wochen an versteckten Features und Informationen zum neuen Android L-Release auftauchen und wie sich die neuen Smartwatches im Alltagsleben schlagen.

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